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Kisch am Chicago River während seines USA-
Aufenthaltes 1928/29 für den Reportageband
»Paradies Amerika«

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»HETZJAGD DURCH DIE ZEIT«
Der »Rasende Reporter« in Daten und Fakten

Zusammengestellt von Klaus Haupt

1885
29. April: Im geschichtsträchtigen Haus »Zu den zwei goldenen Bären« in der Melantrichova/Ecke Ledergässchen - das sich seit 1866 im Besitz der Familie Kisch befindet - erblickt Egon Kisch am Nachmittag dieses sonnigen Frühlingstages das Licht der Welt. Er ist nach Paul Kisch (geboren am 19. November 1883) der zweite von insgesamt fünf Söhnen des Tuchhändlers Hermann Kisch und seiner Ehefrau Ernestine, die sich im blühenden Alter von 22 Jahren befindet
6. Mai: Jüdischem Brauch gemäß wird Egon beschnitten.

1887
22. Mai: Geburt des Bruders Wolfgang.

1889
15. Juni: Geburt des Bruders Arnold.

1891
Ostern: Egon wird in Prag in der Seidlschen Privatschule eingeschult, die unweit des elterlichen Hauses im Servitenkloster zu St. Michael in der Melantrichgasse 17 untergebracht ist; im Jahr darauf kommt er in die Piaristenschule, benannt nach ihrem Sitz im Piaristenkloster in der Panská ulice (Herrengasse) im Zentrum Prags.

1895
Ostern: Besuch der I. deutschen Realschule zu Prag, Nikolandergasse 3, deren Schüler »Nikolander« genannt werden.
23. Mai: Gisl Lyner (auch: Liner), Kischs spätere Frau, in Wien geboren, wo Kisch sie auch kennen gelernt hat.

1896
11. Februar: Geburt von Jarmila Ambrozová in Prag, Kischs Freundin, Vertrauter, Interessenvertreterin in Prag und kongenialer Übersetzerin seiner Werke aus dem Deutschen ins Tschechische. 1938 verheiratet in dritter Ehe mit dem Prager Journalisten Vincenz Necas mit dem Namen Haasová-Necasová.

1901
19. Januar: Kischs Vater, geboren am Juli 1840, stirbt in Prag im Alter von 60 Jahren.

1903
August/September: Egon unternimmt eine von der Mutter spendierte Ferienreise durch Österreich und Bayern, auf der er viele Tagebuchnotizen über Land und Leute macht
6. Oktober: Immatrikulation an der deutschen Technischen Hochschule zu Prag, Abbruch des Studiums nach dem ersten Semester im darauf folgenden Jahr.

1904
Sommersemester: Belegung von Vorlesungen über Geschichte der deutschen Literatur und Geschichte der mittelalterlichen Philosophie an der Prager deutschen Universität.
3. Oktober: Beginn des Militärdienstes als Einjährig-Freiwilliger im Prager Hausregiment Nr. 11.

1905
Das erste Büchlein unter dem Namen Egon Erwin Kisch erscheint:
»Vom Blütenzweig der Jugend«, Gedichtband, E. Pierson’s Verlag Dresden
Der Druck des Bändchens wird von der Mutter mit 200 Mark finanziert. Die Liebe zur Dichtkunst führte auch zu dem von Jung-Egon gewählten zweiten Vornamen Erwin. Unter dem Pseudonym Erwin Kisch wurde - entgegen striktem Verbot der Nikolander-Schuldirektion, in der Presse zu publizieren - bereits um die Jahreswende 1899/1900 in einer Prager Zeitung ein Gedicht von ihm veröffentlicht.
30. September: Der Militärdienst wird beendet. Während Einjährig-Freiwillige nach Absolvierung dieses im österreichischen Heer üblichen einjährigen Dienstes in der Regel zum Reserveoffizier oder Kadetten befördert werden, wird Kisch wegen renitenten Verhaltens nur als Titularkorporal entlassen.
Anschließend belegt Kisch das Wintersemester 1905/06 der privaten Wrede’schen Journalisten-Hochschule in Berlin W 35, Steglitzer Straße 84.

1906
Der erste und einzige Band mit Erzählungen und Geschichten erscheint:
»Der freche Franz und andere Geschichten«, Erzählungen, Verlag Hugo Steinitz, Berlin
März: Rückkehr aus Berlin, anschließend rund sechs Wochen Volontär beim deutschen »Prager Tageblatt« in der Panska ulice.
April: Die 1828 gegründete renommierte Prager deutsche Tageszeitung »Bohemia« nimmt Kisch als Lokalreporter in ihre Redaktion auf, der erfahrene Paul Wiegler wird Egons Zimmernachbar und nimmt ihn unter seine Fittiche.

1907
Kisch besucht Piräus, Konstantinopel und Neapel.

1909
Kisch bereist die Adria und Brioni.

1910
Juni: Auf einem Floß fährt Kisch für eine Reportage auf Moldau und Elbe bis nach Magdeburg.
7. August: Kisch erhält eine ständige Rubrik in der Bohemia unter dem Titel »Prager Streifzüge«; seine Feuilletons erscheinen von nun an jeden Sonntag bis zum 2. April 1911.

1911
September: Kisch interviewt den berühmten amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison, der auf einem Europa-Trip in Prag Station macht - es ist sein erstes internationales Prager Prominenten-Interview. Edison schenkt Kisch ein silbernes Zigarettenetui mit Widmung.

1912
Ein neues Buch erscheint:
»Aus Prager Gassen und Nächten«, Lokalreportagen, Verlag A. Haase, Prag
Reportagereise nach London und Antwerpen.
22. September: Die »Bohemia« beginnt mit dem Abdruck einer Reportage-Serie über Kisch s Aufenthalt in London - es ist die erste umfangreichere Arbeit über einen Auslandsaufenthalt
9. Dezember: Brand der Schittkauer Mühlen am Moldauufer in Prag. Die Berichterstattung darüber hat für Kisch insofern eine besondere Bedeutung, als er sie zum Anlass nimmt, in seinem autobiografischen Buch »Marktplatz der Sensationen« grundsätzliche Betrachtungen zum Thema Journalismus und Wahrheit anzustellen sowie seine Entscheidung zugunsten der Wahrheit in der Berichterstattung zu begründen.

1913
Ein neues Buch erscheint:
»Prager Kinder«, Lokalreportagen, Verlag A. Haase, Prag
Kisch schenkt Jarmila ein Exemplar mit der Widmung:
25. Mai: Oberst Alfred Redl, Generalstabschef des 8. Prager Korps der k.u.k. österreichisch-ungarischen Armee, erschießt sich in der Nacht vom 24. auf den 25. Mai im Hotel Klomser in Wien. Hinter diesem Selbstmord verbirgt sich die größte Spionageaffäre vor dem Ersten Weltkrieg, Kisch enthüllt Hintergründe und Zusammenhänge dieses Selbstmordes und gelangt zu internationalem Ruhm: Oberst Redl war ein Agent des Zarenreiches. Am Anfang von Kischs Enthüllung steht als Glanzstück journalistischer Arbeit seiner Zeit in der »Bohemia« vom 28. Mai eine kurze Nachricht mit Informationen und Kombinationen in Form von »Wiener Gerüchten«, wobei man an offizieller Stelle »keine nähere Auskunft über die Richtigkeit« gibt. Die ausführliche Schilderung des Falles Redl erscheint 1924 in Buchform.
Juni: Übersiedlung nach Berlin, Mitarbeiter am »Berliner Tageblatt«.

1914
Kischs einziger Roman erscheint, zugleich das erste Buch bei seinem Verleger Erich Reiss:
»Der Mädchenhirt«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Frühjahr: Als Nachfolger Gerhart Hauptmanns kurzzeitig Dramaturg am Berliner Künstlertheater.
31. Juli: Korporal Kisch rückt in der südböhmischen Garnison Pisek zum Militärdienst ein; bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird er mit dem Prager Korps an die serbische Front verlegt. Während des Fronteinsatzes lautet ein geflügeltes Wort seiner Kameraden »Schreib’ das auf, Kisch!«, denn er führt bis zu seiner Verwundung ein Kriegstagebuch.
3. September: Kischs Bruder Wolfgang fällt an der russischen Front.

1915
Februar: Das Prager Korps wird an die russische Front verlegt.
18. März: Kisch wird schwer verwundet; nach Krankenhausaufenthalt in Prag »felddienstuntauglich«.

1916
Februar: Etappeneinsatz in Gyula (Ungarn).

1917
Frühjahr: Im Range eines Oberleutnants Abkommandierung ins Kriegspressequartier nach Wien, dem Pressestab beim Obersten Befehlshaber der österreichisch-ungarischen Armee.
November: Mit der Teilnahme an der Konferenz des illegalen »Aktionskomitees der Linksradikalen« in Sankt Aegyd, an der unter anderem etwa dreißig gewählte Betriebsvertrauensleute teilnehmen, entscheidet sich Kisch für eine aktive revolutionäre Position im Kampf gegen den Krieg. Das Komitee beschließt die Gründung eines illegalen Abeiter- und Soldatenrates und betraut mit dieser Aufgabe ein Dreier-Komitee, dem der Oberleutnant Kisch angehört.

1918
1. November: Auf dem Deutschmeisterplatz in Wien findet ein Soldaten-Meeting statt, auf dem die Rote Garde gegründet und Kisch, der zu den Versammlungsrednern gehört, zum Kommandeur gewählt wird. Hauptquartier der Roten Garde wird die Stiftskaserne in der Mariahilferstraße.
18.November: Auf Druck führender sozialdemokratischer Regierungsvertreter muss Kisch als Kommandeur zurücktreten und befehligt nunmehr nur noch das zweite Bataillon, wird aber von den Soldaten demonstrativ zum Kommissar der Roten Garde gewählt.
9. November: Die erste Ausgabe des Wochenblattes »Der freie Arbeiter« erscheint in Wien, herausgegeben von der Föderation revolutionärer Sozialisten »Internationale«, die sich am 28. November öffentlich konstituiert und zu deren führenden Mitgliedern Kisch gehört. »Der Freie Arbeiter« erhält mit der zweiten Ausgabe eine ständige Beilage für die Arbeit unter den Soldaten. Sie trägt den Titel »Die Rote Garde« und wird von Kisch redigiert. Regelmäßig erscheinen auch Beiträge aus seiner Feder.

1919
29. März: Kisch veröffentlicht in der Beilage »Rote Garde« seinen letzten Beitrag und nimmt - enttäuscht von der Entwicklung und aufgrund einer beispiellosen Rufmordkampagne gegen ihn - Abschied von dieser politischen Aufgabe.
Mai: Kisch wird Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs (KPDÖ), nachdem sich die Föderation revolutionärer Sozialisten »Internationale« mit ihr vereinigt hat
März-Juni: Lokalreporter bei der Wiener linksbürgerlichen Zeitung »Der Neue Tag«.
Lernt Gisela Lyner in Wien kennen.

1920
Ein neues Buch erscheint:
»Die Abenteuer in Prag«, Verlag E. Strache, Wien/Prag/Leipzig
Sommer: Nach einer Frankreich-Reise Rückkehr nach Prag; Mitarbeit am »Prager Tagblatt«.
September-Oktober: Flussfahrt mit dem Moldaudampfer »A. Lanna 8« von Prag über Hamburg und Wilhelmshaven nach Mainz.

1921
Zwischen Mai und August: Kisch bereist die Slowakei und Frankreich.
Herbst: Übersiedlung nach Berlin. Kisch lernt im Romanischen Café Jarmila Haasová kennen. Er beginnt mit der Arbeit an seinem Werk »Klassischer Journalismus« und begibt sich zu diesem Zweck über einen längeren Zeitraum täglich in die Staatsbibliothek Unter den Linden, um beispielgebende Texte nicht mehr lebender Autoren - von Joseph Addison bis Emile Zola - auszuwählen und jeweils mit einem Text-Medaillon einzuleiten. Kisch wohnt zu dieser Zeit in der Güntzelstraße 3.


1922
Das Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg erscheint:
»Soldat im Prager Korps«, Verlag der Andréschen Buchhandlung, Leipzig-Prag
Außerdem erscheint die Komödie über den Halleschen Dieb Käsebier und König Friedrich II. von Preußen:
»Die gestohlene Stadt«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Berliner Korrespondent der Tageszeitung »Lidové noviny«, in Brno; die Honorare aus dieser Tätigkeit sind vorerst seine Haupteinnahmequelle.
Kisch entwickelt im Laufe der Jahre eine Mitarbeit an diversen Berliner Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten; unter anderem schreibt er für das linksliberale »Tagebuch« und »Die Weltbühne«, für »Die Welt am Abend«, die kommunistische Tageszeitung »Die Rote Fahne«, die auflagenstarke »Arbeiter- Illustrierte Zeitung«, die »Linkskurve« und den bürgerlichen »Berliner Börsen-Courier«.

1923
Die repräsentative Anthologie mit 99 ausgewählten Beiträgen von 77 Autoren aus vier Jahrhunderten erscheint:
»Klassischer Journalismus - Die Meisterwerke der Zeitung«, Rudolf Kaemmerer Verlag, Berlin
Januar: Besuch bei Maxim Gorki in Saarow-Pieskow, zusammen mit Jarmila, seiner späteren Frau Gisl, der tschechischen Bekannten Bozena Neumannová sowie deren kleiner Tochter Sonja.

1924
Es erscheint der Reportagenband, dessen Titel zu Kischs unvergänglichem »Markenzeichen« wird:
»Der rasende Reporter«, Erich Reiss Verlag, Berlin
In einem Buch erstmals umfassend dargestellt:
»Der Fall des Generalstabschefs Redl«, Verlag Die Schmiede, Berlin
März/April: Kisch bereist Dänemark.
Mitglied im Schutzverband Deutscher Schriftsteller (SDS).

1925
Ein weiterer Reportageband des »Rasenden Reporters« erscheint:
»Hetzjagd durch die Zeit«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Juli: Kisch bereist die Schweiz.
18. November: Eintritt in die KPD.
Dezember: Erste Reise in die Sowjetunion.

1926
Frühjahr: Reportagefahrt in der Sowjetunion, ins Donezgebiet, nach Transkaukasien und Leningrad.
12. Mai: Rückkehr aus Moskau nach Berlin; anschließend bis zum Herbst Veröffentlichung von Reiseberichten über das Sowjetland in der Zeitschrift »Das Neue Russland« und in der kommunistischen Tageszeitung »Die Rote Fahne« sowie diverse Vorträge über seine Reiseerlebnisse.
Zwischendurch ist er im Juli zum traditionellen Sommerurlaub mit der Mutter an der holländischen Nordseeküste, recherchiert anschließend in Holland für Reportagen, die in der »B.Z. am Mittag« erscheinen.
31. Dezember: Zwischenstation mit einer Filmcrew in Marseille auf dem Weg nach Nordafrika, wo Kisch in dem Ufa-Film »Die Frauengasse von Algier« mitspielt. Kisch - Autor des Prager Zuhälter-Romans »Der Mädchenhirt« - spielt die Rolle des Komplizen eines Mädchenhändlers, dem es obliegt, die Heldin der Filmstory, dargestellt von der bekannten Schauspielerin Camilla Horn, ins Bordell zu bringen.

1927
Januar/Februar: Kisch bereist Algerien und Tunesien.
23. März: Kisch zieht sich mit Gisl an den Schermützelsee bei Berlin zurück, um in der Pension »Weiße Taube« bei Bollersdorf unweit von Buckow einem Berg von Arbeit zu erledigen. Er muss in knapp drei Monaten vier Bücher fertigstellen, die im Laufe des Jahres erscheinen und ein Kisch-Buchrekordjahr markieren:
»Zaren, Popen, Bolschewiken«, Erich Reiss Verlag, Berlin - Der erste Sammelband über das Sowjetland.
»Kriminalistisches Reisebuch«, Verlag Die Schmiede, Berlin -
Eine Schilderung der Verbrechen aller Zeiten und Länder, die vom Verfasser an ihren Schauplätzen aufgesucht und aufgeklärt wurden.
»Wagnisse in aller Welt«, Universum-Bücherei für Alle, Berlin -
Das erste im linksgerichteten »Münzenberg-Konzern« verlegte Kisch-Buch mit speziell dafür geschriebenen beziehungsweise bearbeiteten internationalen Reportagen.
»Max Hoelz: Briefe aus dem Zuchthaus«, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Egon Erwin Kisch - Mit Vehemenz beteiligt sich Kisch auch an verschiedenen Aktionen zur Freilassung des zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilten Führers bewaffneter Arbeitereinheiten.

1928
Aus der Feder von Egon Erwin Kisch erscheint die Schrift:
»Sieben Jahre Justizskandal Max Hoelz«, Mopr Verlag, Berlin
18. Juli: Max Hoelz wird freigelassen, Kisch holt ihn vom Zuchthaus Sonnenburg ab.
31. Oktober: Kisch geht von Bord der »Olympic«, mit der er von Großbritannien aus den Atlantik überquert hat, in New York an Land zu einer mehrmonatigen Reportagereise durch die Vereinigten Staaten.

1929
10. Januar - 5. Februar: Von Baltimoore fährt Kisch als Leichtmatrose auf dem Frachter »Jefferson Myers« durch den Panamakanal nach San Pedro in Kalifornien, um in Los Angeles unter anderem mit Charly Chaplin und Upton Sinclair zusammenzutreffen; weiter über San Francisco, Chicago und Detroit wieder nach New York.
13. April: An Bord des Schiffes »Homeric« Rückreise von New York nach Southampton, wo ihn Gisl empfängt.
Mai: Veröffentlichung von Reportageserien über die USA in der »Welt am Abend« sowie in »Die Rote Fahne«.

1930
Nachdem »Der rasende Reporter« bereits die 15. Auflage, »Hetzjagd durch die Zeit« und »Zaren, Popen, Bolschewiken« jeweils die 10. Auflage erreicht haben, erscheint nun im Erich Reiss Verlag, Berlin, als weiterer Reportageband:
»Egon Erwin Kisch beehrt sich darzubieten: Paradies Amerika«
Weiterhin erscheint das Buch »Soldat im Prager Korps« in einer neuen Ausgabe mit neuem Titel:
»Schreib das auf, Kisch!« - Das Kriegstagebuch von Egon Erwin Kisch, Erich Reiss Verlag, Berlin
Als »unverkäufliches Manuscript« erscheint als Ko-Produktion mit dem guten Freund aus der Jugendzeit Jaroslav Hasek das Theaterstück:
»Die Reise um Europa in 365 Tagen - Eine groteske Begebenheit in 15 Bildern«, Arcadia-Verlag GmbH, Berlin
Mai/Juni: Kisch bereist Südfrankreich, Monte Carlo und Korsika.
November: In Charkow findet die zweite Weltkonferenz der Revolutionären Schriftsteller statt, an der Kisch als Delegierter des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller teilnimmt
Unter dem Datum vom 15. November erhält Kisch die Berufungsurkunde für eine Lehrtätigkeit an der Journalistischen Fakultät der Kommunistischen Universität »Artjom« in Charkow, die er bis Februar des kommenden Jahres ausübt.

1931
Nachdem »Paradies Amerika« bereits die 27. Auflage erreicht hat, erscheint die Sammlung aufregender Kriminal- und Gerichtsfälle:
»Prager Pitaval«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Sommer: Reportagereise mit ausländischen Schriftsteller-Kollegen durch Sowjet-Mittelasien; anschließend bis 15. September Aufenthalt im Sanatorium in Gorki bei Moskau.

1932
Das »Prager Pitaval« hat inzwischen die 10. Auflage erreicht. Die Kritik lobt es über alle Maßen. »Wieder hat der findigste Kopf aus der Reporterwelt ein halbes Hundert Trümpfe in der Hand, um sie mit virtuoser Technik auszuspielen« schreibt die »Neue Mannheimer Zeitung«. In der »Weltbühne urteilt Kurt Tucholsky: »Das ist ein herrlicher Schmöker! Aus alten Scharteken, aus dem Pitaval, aus eigenen Erlebnissen tut Kisch hier das, was er am besten kann: er erzählt... Es ist zu schön.« Auch das »Prager Tagblatt« - »Und man kann unendlich viel aus dem Buche lernen« - wird auf den Werbeseiten des nächsten Buches zitiert:
»Egon Erwin Kisch berichtet: Asien gründlich verändert«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Frühjahr: Fahrt mit dem Zug von Moskau mit Zwischenstation in Tschita, um das Visum einzuholen, zu einer mehrmonatigen Reportagereise nach China.
August: Rückreise über Japan

1933
Im angestammten Verlag erscheint zum letzten Mal ein Buch aus der Feder des berühmtesten deutsch-sprachigen Reporters dieser Zeit:
»Egon Erwin Kisch berichtet: China geheim«, Erich Reiss Verlag, Berlin
Januar: Kisch ist wieder in Berlin und bezieht Ende des Monats zur Untermiete ein Zimmer in der Motzstraße.
28. Februar: Kisch wird früh um fünf Uhr verhaftet. Gegenüber den Kriminalpolizisten sagt er aus, er sei gegen »halb ein Uhr nachts« nach Hause gekommen. Kisch wird zunächst ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz transportiert und dann - laut Haftbefehl - wegen »dringenden Verdachtes der Teilnahme am Hochverrat« in der Nacht vom 1. zum 2. März in die Festung Spandau gebracht.
11. März: Aufgrund offizieller tschechoslowakischer Proteste müssen die Nazis den tschechoslowakischen Staatsbürger Egon Erwin Kisch freilassen; mit Polizeibegleitung wird er am Grenzort Pomokly gegen Quittung den Grenzbehörden übergeben. Für die nun in Prag erscheinende »Arbeiter-Illustrierte Zeitung« schreibt er den sensationellen, international beachteten Bericht »In den Kasematten von Spandau« über die Verbrechen der Faschisten in Deutschland.
4.-6. Juni: Der Antifaschistische Arbeiterkongress Europas tagt in Paris; als einer der Redner prangert Kisch die Verbrechen der braunen Machthaber an.
Herbst/Jahresende: Reisen nach London, Frankreich, Belgien, Holland, Spanien.

1934
Nach der Übersiedlung von Prag nach Paris/Versailles werden in diesem Jahr die ersten Kisch-Bücher in deutscher Original-Fassung von westeuropäischen Emigranten-Verlagen herausgebracht:
»Eintritt verboten«, Edition du Carrefour, Paris
»Geschichten aus sieben Ghettos«, Verlag Allert de Lange, Amsterdam

Januar: Aufenthalt in Belgien.
21.-25. Juni: In Paris tagt der Erste Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, an dem Kisch, der inzwischen nach Paris übergesiedelt ist, teilnimmt und in den Kongressvorstand gewählt wird.
13. Oktober: Kisch tritt an Bord des britischen 20 500-Tonnen-Liners »Strathaird« die Fahrt nach Australien an, um als Delegierter des Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus am australischen Antikriegskongress Anfang November in Melbourne teilzunehmen.
6. November: Die »Strathaird« erreicht Freemantle, Kisch - der hier von Bord gehen will - erhält Landeverbot, ihm wird der Pass abgenommen; auf festgelegter Route fährt das Schiff über Adelaide nach Melbourne.
12. November: Im letzten Augenblick, da die »Strathaird« Port Phillip, den Hafen von Melbourne, wieder verlassen will, unternimmt Kisch die dramatische »Landung in Australien«: Er springt aus fast sechs Meter Höhe von der Reling, bricht sich ein Bein und wird wieder an Bord transportiert.
16. November: In Sydney wird Kisch von Bord geholt und in das Polizeiquartier gebracht; er wird angeklagt und zu sechs Monaten Zwangsarbeit verurteilt. Eine starke Protestbewegung erzwingt im folgenden Jahr Kischs Freispruch, so daß er endlich auch journalistische Recherchen über den fünften Kontinent anstellen kann.

1935
11. März: Kisch tritt mit dem Linienschiff »Orford« von Australien die Rückreise nach Europa an.
10. April: Gisl empfängt Kisch in Toulon.
29. April: Kisch begeht seinen 50. Geburtstag in Les Sablettes bei Toulon; er erhält eine beispiellose Vielzahl von Glückwünschen namhafter Schriftsteller- und Journalistenkollegen, von Freunden, Bekannten und Unbekannten aus allen Teilen der Welt. Sonderdrucke mit brillanten Würdigungen seiner Leistungen erscheinen zum Jubiläum.
Juni: In Paris tagt der 1. Internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, Kisch wird mit Heinrich Mann als Vertreter der deutschen Delegierten in den Kongressvorstand gewählt; er hält ein grundlegendes Referat über »Reportage als Kunstform und Kampfform«.
Nach dem Trubel der Rückkehr: Beginn der Arbeit am Australienbuch, die sich aufgrund der komplizierten Thematik überaus schwierig und langwierig gestaltet.

1936
In zwei Ländern erscheint in deutscher Originalfassung - natürlich in unterschiedlich aufgemachten Ausgaben - gleichzeitig ein weiterer Reportage-Sammelband:
»Abenteuer in fünf Kontinenten«, Edition du Carrefour, Paris und Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau
Mai/August: Aufenthalte in Belgien und Holland.
Kisch schließt mit dem amerikanischen Verlag Alfred A. Knopf, New York, einen Vertrag über ein autobiografisches Buch unter dem Titel »Crawling in the inky river« (»Schwimmend im Tintenstrom«).

1937
Kischs letztes großes, in sich geschlossene Buch erscheint in Europa vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges:
»Landung in Australien«, Verlag Allert de Lange, Amsterdam
Frühjahr: Aufenthalt in Prag.
9. Mai: Die Mutter stirbt.
Juni: Kisch in Madrid, Teilnahme am II. Internationalen Schriftstellerkongress sowie am Freiheitskampf des spanischen Volkes gegen den Faschismus, Fahrten an verschiedene Frontabschnitte; Recherchen und Interviews im Hospital der Internationalen Brigaden in Benicasim.

1938
Die beiden einzigen größeren journalistischen Arbeiten Kischs über den spanischen Freiheitskampf erscheinen:
»Die drei Kühe - Eine Bauerngeschichte zwischen Tirol und Spanien«, Amalien-Verlag
»Soldaten am Meeresstrand. Eine Reportage von Egon Erwin Kisch«, Herausgegeben von Ayuda Medica Extranjera (Ausländische Medizinische Hilfe)

22. Mai: Kommunalwahlen in Prag, Kisch - der sich in Spanien befindet - wird auf der Liste der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei zum Stadtrat gewählt.
Juni: Kisch ist aus Spanien nach Versailles zurückgekehrt; er arbeitet an der Autobiografie.
29. Oktober: Egon Erwin Kisch und Gisela Lyner heiraten in Versailles.

1939
März: Aufenthalt in einem von fortschrittlichen amerikanischen Schriftstellern unterhaltenen Schriftstellerheim in Grasse an der Cote d’Azur; unter anderem Arbeit an einem Manuskript, das später verloren geht: »Die Geschichte des Postmeisters Drouet«.
September: Die französischen Sicherheitsbehörden siedeln Kisch zwangsweise in ein kleines Dorf bei Versailles um, stellen ihn unter Polizeiaufsicht und verbieten ihm jeglichen Kontakt mit der Außenwelt.
28. Dezember: Nach mehrtägigem zwangsweisem Aufenthalt auf Ellis Island, wohin Kisch an Bord des Schiffes »Pennland« gelangt war, erteilt die USA-Einsreisebehörde Kisch endlich ein Durchreise-Visum.

1940
2. Februar: Der Verlag Alfred A. Knopf kündigt den mit Kisch abgeschlossenen Vertrag über das Memoirenbuch.
Recherchen in New York, wo Kisch vorübergehend unter ärmlichen Verhältnissen lebt, für Reportagen über die Lebensverhältnisse der Juden.
Sommer: Nachdem auch Gisl Kisch aus Europa eingetroffen ist, Unterkunft bei Freunden in der Umgebung von New York. Vor Jahresende: Kisch, der zwar über ein Einreisevisum nach Chile verfügt, begibt sich nach Mexiko, um dort einen sicheren Aufenthalt zu finden.

1941
Nach den Querelen mit dem Verlag Alfred A. Knopf erscheint Kischs Memoirenbuch dennoch in den USA in der von ihm geplanten englischen Fassung, allerdings unter einem anderen Titel:
»Sensation Fair« (»Marktplatz der Sensationen«), Modern Age Books, New York
November: In Mexiko-Stadt wird als Emigrantenorganisation der Heinrich-Heine-Klub gegründet; zur Präsidentin wird Anna Seghers gewählt, zum Vizepräsidenten Egon Erwin Kisch, der auch an der Zeitschrift »Freies Deutschland« engagiert mitarbeitet.

1942
10. Juli: Die Verlagsgemeinschaft El Libro Libre (Das freie Buch), am 10. Mai von Emigranten in Mexiko-Stadt gegründet, bringt als erstes Buch Kischs autobiografisches Werk in deutscher Original-Fassung heraus:
»Marktplatz der Sensationen«, »El Libro Libre - Das Freie Buch«, Verlag fuer Antinazi-Literatur in deutscher Sprache
Kischs Bruder Arnold wird im Konzentrationslager Litzmannstadt (Lodz) ermordet.

1943
Kisch recherchiert für ein Buch über Mexiko; er gehört zum Redaktionsstab für die spanisch-sprachige Dokumentation »El Libro Negro del Terror Nazi en Europa« (»Schwarzbuch über den Naziterror in Europa«).

1944
Kischs Bruder Paul kommt im Konzentrationslager Theresienstadt (Terezin) ums Leben.

1945
Kurz vor dem 60. Geburtstag erscheint das letzte Buch aus der Feder des Meisters der literarischen Reportage:
»Entdeckungen in Mexiko«, Editorial »El Libro Libre«, Mexico
Januar/Februar: Kisch bereist Yucatán.
26. April: Bankett für Kisch zu seinem 60. Geburtstag.

1946
1. Februar: Abschiedsabend des Heinrich-Heine-Klubs in Mexiko-Stadt für Kisch.
17. Februar: Abreise aus Mexiko-Stadt mit dem Zug nach New York, dort kurzer Zwischenaufenthalt und Wiedersehen mit alten Freunden.
27. Februar: an Bord des britischen Dampfers »Queen Elizabeth« fährt Kisch Richtung Heimat; nach der Ankunft in Southampton kurzer Zwischen-aufenthalt in London.
21. März: Kisch trifft zusammen mit André Simone in Prag ein; sein alter Freund Vinzenc Necas, Jarmilas Ehemann, empfängt ihn mit einem Berufskollegen auf dem Flugplatz Ruzyne. Kischs erste Worte sind: »Was macht Prag? Steht es noch?«
28.-31. März: Im großen Saal der Lucerna am Prager Wenzelsplatz tagt der VIII. Parteitag der KP der Tschechoslowakei, auf dem Kisch eine kurze Rede hält.
Kisch arbeitet an einem Plan für ein Buch über die befreite Tschechoslowakei.
Juni: Reise nach Belgrad, Teilnahme am Prozess gegen den serbischen Tschetnik-Führer Mihailowitsch.
Juli: Erste Recherchen für die unvollendet gebliebene Reportage »Karl Marx in Karlsbad«.
21./22. September: Teilnahme an Feierlichkeiten zu Ehren von Karl Marx in Karlovy Vary.

1947
Ende Juni/Anfang Juli: Reportagefahrt in die mährische Schuhmetropole Zlin, Besuch des tschechischen Lyrikers Petr Bezruc, worüber Kisch die unvollendete Reportage »Schuhwerk« und »Ein Tag mit Petr Bezruc« schreibt.
September: Aufenthalt im Herzbad Podebrady.
November: Erster Schlaganfall.

1948
24. März: Zweiter Schlaganfall.
31. März: Egon Erwin Kisch stirbt in der Prager Klinik in der Katerinska ulice Nr. 468; wenige Augenblicke, nachdem Gisl und Jarmila das Krankenbett im Zimmer Nr. 68 zu einer Besorgung verlassen haben, hört um 13.45 Uhr Kischs Herz auf zu schlagen.
5. April: Trauerfeier in Form eines von der Regierung ausgerichteten Staatsbegräbnisses; anschließend Trauerzug vom Pulverturm über den Wenzelsplatz, den Tausende von Menschen säumen. Als Vertreter der Regierung nimmt der stellvertretende Ministerpräsident Antonin Zápotocky Abschied: »Ich musste meinem langjährigen Freund Egonek bei meinem letzten Besuch versprechen, dass ich an seinem Sarge reden werde...«
30. September: Urnenbeisetzung auf dem Prager Friedhof Strasnice, Urnenhain, 3. Reihe.



1962
19. April: Gisl Kisch in Prag verstorben; ihre letzte Ruhestätte erhält sie neben »Egonek«.

1968
13. September: Bedrich (Kaspar) Kisch stirbt als Letzter der fünf Kisch-Brüder in Prag, wo er auch beigesetzt wird.

1990
30. August: Jarmila Haasová-Necasová verstirbt im Seniorenheim Dobris bei Prag. Letzte Ruhestätte in Prag.

 

 
 

 

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